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2005

Ilma Rakusa: Dreimal Süden. Gefühle (excerpt in German)

Dreimal Süden. Gefühle

Am Meer muss es liegen, dass ich diese Stadt vermisse. Ihren maroden Glanz, ihre herbe Paradoxie. Die wüsten Gleise des Güterbahnhofs, die
hafennahen Brachen, das Kunterbunt der Vorstadthäuser, die von der Bora durchwehten Strassenschluchten. Das Meer ist wie Seide. Ein Schein
umgibt es, weit über die hellen Kalkklippen hinaus. Er vermischt sich mit dem Horizont, er ist Himmel.
Die Helligkeit riecht nach Immergrün.
Die Helligkeit.
Die Nacht riecht nach Buchs, Taxus, Thymian, Jasmin. Es gibt die kurze Nacht der Siesta und die lange Nacht der Sterne und skandierten Leuchtturmsignale. Wenn es so still ist, dass das Geräusch der Brandung hochschwappt. Das Meer leckt sein Ufer, das Meer wiegt seinen Tang. Und den Wachliegenden in Schlaf.

(source: Vilenica Almanac 2005)